Würdigen, was der andere erzählt: Idiolektik baut Beziehung und Vertrauen auf

"Es war unglaublich schön, was da in mir wachgerufen wurde“, sagte die Würzburgerin Enya (links) über ihr erstes idiolektisches Gespräch.
 
Idiolektik sorgt dafür, dass wir lernen, wahrzunehmen was beim anderen gerade wichtig ist. Dies sei eine absolute Voraussetzung für kundenorientiertes Verhalten, meint Gabriele Schuster (rechts), die als Geschäftsführerin des IPT – Intensivpflegeteams auch gerne mal rumspaßt, wie hier mit Pflegehelferin Anne-Kathrin Koch. Idiolektik hilft ihr, besser zu sehen, was im Unternehmen gebraucht wird.
„Mir ist wichtig, dass mir unsere Pflegebedürftigen vertrauen und sie wissen, dass ich es gut mit ihnen meine. Das erleichtert es mir und ihnen, wenn ich sie wasche, lagere oder ihnen Medikamente gebe“, sagt Constanze Söldner, die als Pflegefachkraft und Teamleiterin beim IPT – Intensivpflegeteam in Würzburg arbeitet. Je besser eine Pflegekraft den Betreuten kennt, je besser sie versteht, wie es ihm geht, desto besser kann sie auf dessen Bedürfnisse eingehen. Daher ist eine gute Beziehung zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigem elementar. „Genau hierfür greife ich immer gerne auf die Idiolektik zurück. Sie hilft mir viel im Umgang mit unseren Pflegebedürftigen und deren Angehörigen, da ich so schnell merke, wie es ihnen geht, ich auf sie besser eingehen und Vertrauen schaffen kann, so dass sie sich mir öffnen“, erklärt Söldner.

Die Idiolektik ist eine einfache und respektvolle Gesprächsführung, die Vertrauen schafft und dem Erzählenden ein gutes Gefühl vermittelt, indem man sich auf die Eigensprache – den Idiolekt – des anderen einlässt und so „echte“ Mitteilungen über den seelischen wie körperlichen Zustand erhält. Zurück geht sie auf A. David Jonas, der Mitte der 70er Jahre an der Würzburger Universität gelehrt hatte. Seine Schüler gründeten 1985 in Würzburg die Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung (GIG), die zum 32. Mal tagte, zum wiederholten Mal in der Zehntscheune des Juliusspitals in Würzburg.

Das Gespräch folgt einfachen Regeln: Zuhören statt reden, nicht bewerten, keine Ratschläge erteilen, nicht Recht haben wollen. Das Handwerkszeug der Idiolektik sind einfache Fragen, die eine öffnende Wirkung haben. Dabei greift man nur die sogenannten Schlüsselwörter auf. „Beim Zuhören schaltet man sozusagen auf Musikempfang. In der Idiolektik versuchen wir Resonanzboden zu sein für die Schwingungen des Gesprächspartners und Schlüsselwörter sind Ausdruck von Resonanz“, erklärt Daniel Bindernagel auf der 32. Jahrestagung, die passend dazu „Eigensprache und Musik“ als Thema hatte.

Wie erfolgreich man mit dieser Gesprächstechnik arbeiten kann, zeigten die Berichte der Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Berater auf der Jahrestagung. 70 Teilnehmer und 20 Dozenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen teil und demonstrierten ihre Arbeit mit Menschen jeden Alters, in der Praxis, im Altenheim, in der Arbeit mit Demenzerkrankten und auch mit Mitarbeitern.

„Die Tagung hat mich sehr beeindruckt und ich bin dankbar, dass ich sie erleben durfte. Die Menschen hier sind offen und herzlich und ich fühle mich von ihnen beschenkt“, sagt die Würzburgerin Enya, die spontan an der Tagung teilgenommen hat und dort ihr erstes idiolektisches Gespräch erlebte: „Ich wusste vorher nicht, worüber ich reden wollte und im Laufe des Gesprächs stieß ich auf alte Erinnerungen, die mir sehr wichtig sind, es war unglaublich schön, was da in mir wachgerufen wurde.“

Das sei typisch für ein idiolektisches Gespräch meint Bindernagel, denn mit den Fragen nach Schlüsselwörtern, nach Bildhaftem, nach Klängen und Gerüchen bekommt man Zugang zu implizitem Wissen, also verschütteten Erinnerungen. Aber Idiolektik tritt nicht mit dem Ziel an, Verschüttetes hervorzuholen. Dieser Vorgang geschieht von selbst. „Unsere Grundhaltung ist gekennzeichnet dadurch, dass ich offen bin dafür, was geschieht. Es ist eine Würdigung für das, was der andere erzählt und damit wird ein Grundbedürfnis der Menschen erfüllt“, so Bindernagel, der in seiner Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater neben anderen Methoden auch die Idiolektik anwendet.

„Idiolektik ist erstens hilfreich in allen Berufskontexten, in den es wichtig ist, authentische Mitteilungen zu erhalten“, erklärt der GIG-Vorsitzende weiter. Speziell Seelsorger, Pflegekräfte, Lehrer, Ärzte und Therapeuten können von der Idiolektik profitieren. Man kann es auf alle Berufe übertragen, bei denen das Gespräch zentral ist. Und zweitens, um Beziehung und Vertrauen aufzubauen in asymmetrischen Kommunikationssituationen wie beispielsweise zwischen Arzt und Patient. Indem man die Eigensprache des Gegenübers aufgreift, kann man die Asymmetrie teilweise überwinden und auf Augenhöhe miteinander sprechen. „Der Erzählende bekommt das Gefühl, dass ihm jemand wirklich zuhört, ihn ernst nimmt und bei ihm entsteht Vertrauen.“

Auch für Mitarbeitergespräche nutzt die IPT-Führungskraft Constanze Söldner die Idiolektik: „Ich erfahre als Teamleitung mit idiolektischen Gesprächen, wie der Mitarbeiter ist und wie es ihm geht.“ IPT-Geschäftsführerin Gabriele Schuster ergänzt: „Wenn wir wissen, was dem jeweiligen Mitarbeiter gerade wichtig ist, fällt es uns leichter, ihn oder sie stark zu machen. Idiolektik ist für mich aus unserem Werkzeugkoffer für unser Führungsteam daher nicht mehr wegzudenken.“

Wie Idiolektik funktioniert, können Interessierte unverbindlich in Seminaren in Deutschland, Österreich und der Schweiz kennenlernen. Infos unter www.idiolektik.de
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