Wie leicht ist Lügen? Und wie oft lügen wir am Tag? Würzburger Wissenschaftlerin mit Ig-Nobelpreis ausgezeichnet

Dr. Kristina Suchotzki ist Fachfrau in Sachen Flunkerei.
Lügner und ihre Lügen stehen im Mittelpunkt einer Studie von Wissenschaftlern aus den Niederlanden und aus Belgien. Wie entwickelt sich die Fähigkeit zu lügen über die gesamte Lebensspanne hinweg? Und wie häufig lügen eigentlich Menschen am Tag? Eine der Autorinnen dieser Studie ist Dr. Kristina Suchotzki, seit März 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie I der Universität Würzburg. Jetzt hat das Team eine unerwartete Auszeichnung für seine Arbeit erhalten: den berühmt-berüchtigten Ig-Nobelpreis.

Die Lügenfragen standen im Mittelpunkt einer Studie, die ein Team von Wissenschaftlern um Evelyne Debey von der Universität in Gent 2015 veröffentlicht hat. Daran beteiligt war damals die heutige Würzburger Psychologin Kristina Suchotzki. Mehr als 1.000 Freiwillige im Alter zwischen sechs und 77 Jahren hatten dafür im August 2012 an einer Reihe von Tests teilgenommen und Fragebögen ausgefüllt.

Jetzt wurde diese Studie im Rahmen eines skurrilen Festakts an der Harvard Universität mit dem Ig-Nobelpreis 2016 im Fach Psychologie ausgezeichnet. „Ignoble“ heißt auf Deutsch unwürdig – was zunächst negativer klinge, als es gemeint ist. Denn in der Regel gehen diese Preise – nun schon zum 26. Mal – an renommierte Wissenschaftler für seriöse, wenn auch kuriose Forschungsarbeiten. Die Preise sollen „das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren“, wie die Jury schreibt. Sie belohnten Forschung, die „erst zum Lachen und dann zum Denken anregt“. Überreicht wird die Trophäe, in diesem Jahr eine Plastikuhr und zehn Billionen Zimbabwe-Dollar, häufig von tatsächlichen Nobelpreisträgern, weiß Dr. Suchotzki.

Evelyne Debey und ihre Co-Autoren wurden ausgezeichnet „für eine Studie, in der 1.000 Lügner befragt wurden, wie oft sie lügen – und für die Entscheidung, ob man ihren Antworten glauben kann“, so die Begründung der Jury. Dabei hatte die Frage nach der Lügenhäufigkeit gar nicht oberste Priorität für die Psychologinnen. „Das war nicht der Kern unserer Arbeit“, sagt Kristina Suchotzki. Ihnen sei es vielmehr darum gegangen, herauszufinden, wie sich das Lügen im Laufe des Lebens entwickelt – wie gut Menschen lügen können, angefangen bei kleinen Kindern bis zu Senioren.

Kleine Kinder im Konflikt
Denn eines sei klar: „Die Allgegenwart von Lügen im Alltag lässt nicht den Schluss zu, dass Lügen kinderleicht ist“, schreiben die Autorinnen in ihrer Studie. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass Lügen die kognitiven Fähigkeiten stark beanspruchen. Der Grund dafür: Bei der Suche nach einer Antwort lege sich das Gehirn zunächst die wahre Antwort zurecht. Wer also lügen will, müsse verhindern, dass er diese Antwort ausspricht – ein Konflikt entsteht, dessen Lösung Energie kostet. „Gerade kleine Kinder schaffen dieses Zurückhalten häufig noch nicht“, sagt Kristina Suchotzki. Außerdem muss die Wahrheit im Arbeitsgedächtnis vorgehalten werden, um auf dieser Basis eine alternative, unwahre Version zu kreieren.

Denn das hatte die Studie auch gezeigt: Im Durchschnitt lügten Menschen zwei Mal am Tag. Das ist zumindest der errechnete Durchschnitt aus den gut 1.000 Antworten auf die Frage: „Wie oft haben Sie in den vergangenen 24 Stunden gelogen?“. Tatsächlich existieren große, individuelle Unterschiede, was die Bereitschaft zum Lügen angeht. So gab gut die Hälfte der Teilnehmer an, dass sie in den vergangenen 24 Stunden kein einziges Mal gelogen hätten. Und unter der anderen Hälfte waren gut neun Prozent für mehr als 50 Prozent aller Lügen verantwortlich – mit Spitzenwerten von bis zu 16 Lügen am Tag. Diese „nicht-normale Verteilung“, wie es in der Studie heißt, ließ sich übrigens in allen Altersgruppen nachweisen.
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