Wie kann die Welt helfen?

Anfang des Jahres in Süd-Äthiopien: Schon damals wurde für Salz und Zucker angestanden. Foto: Ludwig
 
Sabine Ludwig besucht ein Flüchtlingscamp im Norden Ugandas. Foto: Radike

Die Katastrophe am Horn von Afrika: Das Leid ist immens
Im primaSonntag-Interview: Sabine Ludwig, sie war stellvertretende Pressesprecherin beim Deutschen Entwicklungsdienst in Bonn und hat ein Medien- und PR-Büro in Randersacker.

Randersacker (clap) – Die Lage ist katastrophal. 12 Millionen Ostafrikaner hungern. Am schlimmsten ist Somalia betroffen. Doch auch in den Nachbarländern Äthiopien und Kenia, in die die Somalier fliehen, ist die Lage nicht viel besser. Die Vereinten Nationen haben offiziell eine Hungersnot für zwei Gebiete in Somalia ausgerufen. Warum diese schlimme Hungersnot? Im primaSonntag-Interview Sabine Ludwig. Sabine Ludwig war stellvertretende Pressesprecherin beim Deutschen Entwicklungsdienst in Bonn. Sie ist in der internationalen Zusammenarbeit tätig und hat ein Medien- und PR-Büro in Randersacker (www.sabine-ludwig.com).

primaSo: Warum schon wieder eine Hungersnot in Afrika? Ist die Dürre der einzige Grund?
Sabine Ludwig: Für mich kommt das nicht überraschend. Ich war vor einigen Monaten in Äthiopien, schon da gab es in einigen Gebieten im Süden Salz oder Zucker nur rationalisiert. In diesem Jahr herrschen ungewöhnlich gravierende Auswirkungen des zyklischen El-Ninja-Klimaphänomens mit Dürre und Trockenheit in der gesamten ostafrikanischen Region. Aber das ist nicht der einzige Grund: Wie in den Vorjahren sind die mit der äthiopischen Regierung ermittelten Bedarfszahlen zu niedrig angesetzt. Zudem ist der Gegenwert der Geberzusagen durch die extrem gestiegenen Weltmarktpreise zurückgegangen.
Es gibt zwar nicht unerhebliche Getreidereserven. Aber dies werden nach den letzten Informationen derzeit allein für die Preisstabilisierung in urbanen Regionen verwendet. Daher ist unklar, wie die lokalen Regierungen zur akuten Nothilfe selbst beitragen. Zudem wird der Zugang für humanitäre Hilfeleistungen in die somalische Region durch die Al-Shabaab-Milizen, die Al-Kaida nahe stehen, extrem erschwert.

primaSo: Wie schlimm ist es wirklich?
SL: Derzeit strömen alleine aus Somalia täglich ca. 600 Flüchtlinge über die Grenze nach Äthiopien. Aus Eritrea beträgt der Zustrom rund 40 Flüchtlinge am Tag. Damit gelangen aus diesen beiden Ländern alleine pro Monat ca. 19.200 neue Flüchtlinge nach Äthiopien, nach Kenia sind es noch viel mehr, nämlich pro Tag rund 2.600. In den drei Dadaab-Flüchtlingscamps in Kenia leben zurzeit 380.000 Menschen, normalerweise liegt ihre Aufnahmekapazität bei 90.000. Die Lage der lokalen Bevölkerung außerhalb der Camps ist nicht besser. Sie haben kein Futter für ihre Tiere, denn es gibt kein Weideland mehr, da für Feuermaterial die ganze Gegend abgeholzt wurde. Sie selbst fühlen die Ungerechtigkeit, denn sie müssen für Wasser, Medikamente und Schulbesuch bezahlen, die Flüchtlinge in den Camps dagegen nicht.
Wenn der derzeitige Flüchtlingsandrang in diesem Ausmaß anhält, gehen dem Welternährungsprogramm (WEP) spätestens im September die Nahrungsmittelreserven aus. Um überhaupt bis dahin zu gelangen, müssen vermutlich bisherige tägliche Nahrungsmittelrationen gekürzt werden. Dies führt natürlich zu einer verstärkten Mangel-/Unterernährung gerade auch bei Kindern. Die Kindersterblichkeit wird sich in den Flüchtlingslagern in den nächsten Monaten dramatisch erhöhen. Hinzu kommt, dass der Zugang zu sauberem Trinkwasser stark limitiert ist. Es breiten sich Seuchen aus, und die Nachfrage nach Trinkwasser aus Tanklastzügen steigert den Wasserpreis enorm.
Vor Jahren schon wurde die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit Somalia eingestellt. Mit der Folge, dass es weder ertragreiche Landwirtschaft noch funktionierende Bewässerungsstrukturen gibt. Die Milizionäre und Warlords, die es in dem Land seit vielen Jahren gibt, machen den Zugang der Bevölkerung zu westlichen Hilfen nahezu unmöglich. Es werden Nichtregierungsorganisationen gegründet, die einzig daran interessiert sind, für die Zwecke der Miliz an internationale monetäre Mittel zu gelangen. Hilfe, die nach Südsomalia geht, hilft damit natürlich auch der Stärkung der Al-Shabaab.

primaSo: Wie kann die Welt helfen?
SL: Im Moment kommt es auf die internationalen Geber an. Ohne sie können die Menschen die Katastrophe nicht überleben. Um die Nahrungsmittelhilfe bis Ende 2011 sicherzustellen fehlen dem WEP circa 15 Millionen US-Dollar, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) fehlen im Budget rund 79,3 Millionen US-Dollar.
Langfristig gesehen hilft nur eines: Good Governance, d.h. die Stabilisierung der Regierungen in den beteiligten Ländern. Vor allem in Somalia. Seit Jahrzehnten gibt es dort kein funktionierendes Ordnungssystem mehr. Nur durch einen langfristigen Aufbau des Landes kann den Hungerkatastrophen entgegengewirkt werden. Dazu gehören vor allem die technische Zusammenarbeit, nicht die schnelle monetäre Hilfe. Es geht darum, den Leuten Bildung und Know how zu vermitteln, damit sie beispielsweise eine effektive Anbauweise und Tierhaltung lernen, den Bau von Brunnen und Bewässerungssystemen. Dieser Prozess kann jedoch nur in Gang gesetzt werden, wenn es ein politisches System, eine Ordnung und eine Regierung gibt, die einigermaßen stabil ist. Und das ist zurzeit nicht der Fall. 



Die Diözese hat 50.000 Euro Soforthilfe für Ostafrika bereitgestellt. Die Mittel werden aus dem Katastrophenfonds des Bistums genommen und an Caritas international weitergegeben. Die Caritaspartner in den betroffenen Ländern verteilen Lebensmittel, setzen Brunnen instand und leisten medizinische Hilfe.
Spenden mit dem Stichwort "Hungersnot Ostafrika" an: Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, Bankleitzahl 66020500, oder online unter www.caritas-international.de.


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