" Wer siegen will, muss Opfer bringen" - Eishockey in der Hindenburgsiedlung

Ansichtskarte um 1910: Rodelbahn auf der Keesburg
Zwischen dem Südende der Siedlung und Gut Keesburg lag ein Feldstück, vielleicht wie ein zu groß geratener Fußballplatz. Die Bodenqualität war miserabel, der Anbau von Getreide lohnte sich nicht. Also wuchs hier Gras. Vater ließ im Sommer die Kühe dort grasen oder schickte unseren Schäfer mit seinen paarhundert Schafen zum Abweiden dorthin. War der Platz nicht durch Tiere belegt, spielte die Jugend dort Fußball, aus nachvollziehbaren Gründen nur auf dem Kleinfeld. Im Herbst ließen wir hier Drachen steigen.
Die schönste Zeit für uns brach aber an, wenn anhaltende Regengüsse den Platz zur Hälfte unter Wasser setzten, die Frostperiode einsetzte und die Wasserfläche zu weitgehend festem Eis gefror. Die Eishockey-Saison hatte begonnen. Die Kinder trafen sich mit abenteuerlich konstruierten Instrumenten, die als Hockeyschläger deklariert wurden. Ein flacher Stein am Anfang der „Saison“ wurde zum Puck befördert, zwei Parteien gebildet und die Schlachten begannen.
Da nicht alle über so etwas Luxuriöses wie Schlittschuhe verfügten, spielte man halt mit Straßenschuhen und darüber gezogenen Wollsocken. Wir rannten solange herum, bis man entweder aus eigener Kraft auf die Schnauze fiel oder von den Angebern mit Schlittschuhen durch üble Bodychecks flachgelegt wurde. Den Puck aus Stein haben wir Gott sei Dank bald ersetzen können, denn unser Schmied auf der Keesburg, der alte Schädel aus Randersacker, hat aus der Decke eines Altreifens ein paar Haargummischeiben herausgefräst.
Straßenmannschaften gab es selten, weil die Sanderrothstraße zu viele Spieler hatte, die anderen Straßen aber zu wenige aufbieten konnten. Also hat man gleich gemischte Teams aufgestellt. Der Konkurrenzkampf blieb trotzdem gleich bleibend hart. Wir fanden das alles ganz toll. Manchmal haben wir, wenn der Vollmond genügend Licht gab, bis tief in die Nacht geholzt, gerempelt und das Eis wiederholt geküsst.
Während wir also Riesenspaß hatten, uns schlapp tobten, warteten allerdings unsere Eltern mit Sorgen und angehaltenem Atem auf ihre wilden Heimkehrer. Sie hatten eigentlich keine Angst, dass wir mit gefährlichen Blessuren nach Hause kommen könnten. Ihre Bedenken waren anderer Art. Ich habe schon berichtet, dass im Sommer und Herbst Kühe oder/und Schafe den Acker bewohnten. Die Tierchen hinterließen jede Menge Verdauungsrückstände. Der Acker war getränkt damit. Dann kam der Regen, durchsaftete die Hinterlassenschaften kräftig, die Kälte ließ alles schön gefrieren und konservierte die Aromen. Also roch man nichts.
Beim Eishockey jedoch knallte man mit allen möglichen Körperpartien irgendwann auf’s Eis. Plötzlich stank man wie eine Herde Kühe und Schafe zusammen. Wir fanden’s nicht schlimm, denn wer siegen will, muss Opfer bringen. Unsere Eltern aber tobten. Einige, so wurde kolportiert, hätten ihre Sprösslinge gezwungen, sich vor der Haustüre nackt auszuziehen. Dann wurden sie wie Verbrecher in die Badewannen gejagt. Das habe ich jetzt so leichtfüßig dahingeschrieben.
Badewannen gab es damals noch nicht so viele und die wenigen wurden auch nur samstags genutzt. Also dampften die Wohnungen nach Kuh- und Schafscheiße, weil die Cracks nicht schnell genug untergetaucht werden konnten. Wir haben die Eishockey-Saison jedes Jahr herbeigesehnt, unseren Eltern hat sie nur gestunken.

Bericht: Heiner Hunsinger, Sohn des letzten Pächters von Gut Keesburg
(Beitrag in „Geschichte und Chronik der Keesburg und ihrer Umgebung“, Erwin Schmollinger, 2013, 480 Seiten, 370 Bilder, erhältlich Papierwarengeschäft Schmollinger, Keesburg)
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