Wenn Aggressionen krankhaft sind: „Therapien könnten besser sein“

Prof. Dr. Andreas Reif, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität Würzburg
Würzburg (UKW/ser) - Aggressionen gehören zum normalen Verhaltensrepertoire des Menschen. Warum nehmen sie manchmal krankhafte Ausmaße an? Wie lässt sich die Therapie verbessern? Das erforscht ein neuer europäischer Forschungsverbund, an dem mit den Teams der Professoren Andreas Reif und Klaus-Peter Lesch auch Mediziner des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) beteiligt sind.

Sie streiten oft, sie stören den Unterricht, sie bekommen Wutanfälle. Sie zerstören Gegenstände und sie attackieren andere Menschen – verbal und körperlich. Die Rede ist von Kindern und Jugendlichen, die an einer Verhaltensstörung mit gesteigerter Aggression leiden.
Übermäßige Aggressionen treten auch häufig bei ADHS-Patienten auf: Wer das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom hat, reagiert oft schon bei nichtigen Anlässen so überschießend impulsiv und unüberlegt, bei einem Teil der Patienten tritt auch gehäuft aggressives Verhalten im Rahmen von Sozialverhaltensstörungen auf. Die Zahl der betroffenen Patienten in Europa liege bei über 5,4 Millionen, wie sich aus einer Pressemittteilung der Klinik entnehmen lässt.

Diese beiden Patientengruppen hat der neue europäische Forschungsverbund „Aggressotype“ im Blick. Reif und Lesch wollen dabei herausfinden, welche Gene an der Entstehung des krankhaft-aggressiven Verhaltens mitwirken. Zudem werden sie die Vorgänge in den Gehirnregionen genauer untersuchen, die bei Aggressionen aktiv sind. Neben der Erforschung der biologischen Grundlagen der Aggression ist auch Ziel, neue Möglichkeiten für die Früherkennung und Behandlung zu entwickeln.

Der Verbund hofft darauf, dass sich aus seiner Arbeit auch neue Therapien für Aggressionen ableiten lassen. „Prinzipiell werden Aggressionen derzeit psychotherapeutisch und bei Bedarf zusätzlich mit Medikamenten behandelt“, sagt Professor Reif. Beide Ansätze seien verbesserungsfähig: „Die wenigen verfügbaren Medikamente wurden nicht speziell für Aggressionen entwickelt, und die Therapie mit ihnen verläuft nicht immer erfolgreich.“
Darauf angesprochen sagt Prof. Reif, entscheidend bei der Behandlung sei, dass „die zugrunde liegenden Diagnosen bei diesen Patienten mit größter Sorgfalt gestellt“ werde: „In der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik erfolgt die Diagnosestellung beispielsweise bei der ADHS stets über mehrere Termine und unter Berücksichtigung von verschiedenen Informationsquellen. Viele Nichtfachärzte seien überfordert. Im Bereich Würzburg, so Reif, seien die Diagnosen allerdings „besser als anderswo“, zumal die Dichte der Fachärzte hier vergleichsweise hoch sei und Dank einer früheren Klinischen Forschergruppe am UKW es eine besondere Kompetenz in dem Bereich gebe.

Die Würzburger Forscher befassen sich vorrangig mit der Neurobiologie von Aggressionen und forschen beide an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Für ihre Vorhaben bekommen sie von der Europäischen Union rund 1,4 Millionen Euro Fördergeld. Die Europäische Union fördert das Projekt „Aggressotype“ in den kommenden fünf Jahren mit insgesamt sechs Millionen Euro. Eingebunden sind 23 Partnerinstitutionen aus elf Ländern. Kontakt: Prof. Dr. Andreas Reif, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universität Würzburg, T (0931) 201-76402, „reif_a@ukw.de“.
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