Was Arganöl für die Berber Marokkos bedeutet

Berberfrauen bei der Arganöl-Herstellung

Arganöl ist seit einigen Jahren nicht mehr aus der Kosmetik- und Nahrungsergänzungsbranche wegzudenken. Weltweit möchten Verbraucher in den Genuss seiner positiven gesundheitlichen und kosmetischen Eigenschaften kommen. Die Anzahl an Kosmetikprodukten mit Arganöl ist innerhalb weniger Jahre explodiert. Gewonnen wird das Öl in Marokko aus der Frucht des Arganbaums, den die einheimischen Berber auch „Baum des Lebens“ nennen. Und das ist er im wahrsten Sinne: Die rasant angestiegene Beliebtheit dieses auch als „flüssiges Gold“ bekannten Öls hat den Berberfrauen, die es traditionell gewinnen, in den letzten Jahren nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern vor allem Unabhängigkeit, mehr Lebensqualität und Bildung beschert.

Anbau und Verarbeitung

Arganbäume gehören zu den ältesten Baumarten der Welt: Es gibt sie seit mehr als zwanzig Millionen Jahren. Beheimatet sind die dornigen und zähen Bäume ausschließlich im südwestlichen Marokko, in der Region Arganeraie, die an die Sahara grenzt und traditionell von Berbern besiedelt wird. Arganbäume wachsen wild; die Nutzungsrechte an ihnen liegen ausschließlich bei der ländlichen Bevölkerung. Die Gewinnung des Öls ist eine alte Tradition der Berber, die seit mindestens 12.000 Jahren hier leben. Da die Bäume sehr dornig sind, werden die Früchte für gewöhnlich nicht gepflückt, sondern vom Boden aufgesammelt. Nach Trocknung an der Luft wird das Fruchtfleisch entfernt und dann die freigelegte Nuss geknackt. Im Inneren befinden sich ein bis drei Samenplättchen, die das Öl enthalten. Für die Verwendung in der Küche werden die Samenplättchen geröstet; Arganöl für die Kosmetik wird aus ungerösteten Plättchen gewonnen. Die Plättchen werden gemahlen und gepresst und dadurch das Arganöl gewonnen. Der verbleibende Presskuchen wird als Viehfutter genutzt. Das Öl wird mindestens zwei Wochen in Behältern aufbewahrt, damit Schwebstoffe sich absetzen. Der gesamte Prozess ist sehr schonend für die Inhaltsstoffe, aber auch sehr arbeits- und zeitintensiv, da alles von Hand gemacht wird.

Berber-Frauen

Die marokkanischen Berber-Frauen haben seit Jahrhunderten Argan-Öl gewonnen und in der Küche und der Kosmetik verwendet. Schon immer war die Verarbeitung der Arganfrüchte Frauenarbeit. Noch heute ist die Verarbeitung von Hand die effektivste Methode, die traditionell von Müttern an ihre Töchter weitergegeben wird.

Versuche der industriellen Gewinnung in den 1990er Jahren wurden aufgegeben, da der marokkanische Staat den Frauen ihre Verdienstquelle nicht nehmen wollte und stattdessen mit Beteiligung nichtstaatlicher Organisationen aus Europa die Gründung der UCFA unterstützte, unter deren Dach sich etliche Kooperativen zusammenschlossen. Diese Kooperativen sind ausschließlich in der Hand von Berber-Frauen.

Das wachsende Interesse der weltweiten kosmetischen Industrie am Arganöl hat ihnen ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet: Die Kooperativen teilen die Profite innerhalb der Mitglieder auf, die Gewinne verbleiben vor Ort und kommen der ländlichen Gemeinschaft zugute. Die Gelder werden unter anderem genutzt, um für Gesundheitsfürsorge und Bildung für die Frauen und ihre Kinder zu zahlen. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg das Einkommen der Berber-Frauen um das Zehnfache.

Bislang maß man Bildung für Frauen wenig Wert zu: Sie lernten weder Lesen noch Schreiben und arbeiteten meist nur innerhalb des Hauses. Die Frauen haben durch die Verschiebung im Wirtschaftsgefüge mehr Macht, Respekt und Unabhängigkeit gewonnen. Aufgrund der großen Nachfrage ist ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit langfristig gesichert. Derzeit leben mehr als zwei Millionen Menschen in der Arganeraie von der Arganölproduktion.

Umweltschutz

Aber auch über Wirtschaft und Soziales hinaus hat das Arganöl Bedeutung für die Berber: Mit ihren tiefen Wurzeln stellen die genügsamen Arganbäume einen Schutz vor Bodenerosion und vor der weiteren Ausbreitung der Sahara dar. Ihre Blätter und Früchte dienen zudem als Futter für Ziegen, die das hauptsächliche Nutzvieh der Berber sind. Bevor Arganöl sich steigender Beliebtheit erfreute, wurden die Bäume für die Bauholz- und Holzkohlegewinnung stark dezimiert. Mittlerweile hat die UNESCO das 26.000 Quadratkilometer große Gebiet zum Biosphärenreservat erklärt, und jährlich werden etwa sechzigtausend neue Bäume gepflanzt. Die Verarbeitung von Hand sorgt für eine nachhaltige und umweltschonende Produktion, da eine wirtschaftliche industrielle Gewinnung nicht möglich ist.

Verwendung des Arganöls

Arganöl wird seit Jahrhunderten auf marokkanischen Märkten verkauft und von den Einheimischen in der Kosmetik und zum Essen verwendet. Schon immer schützten sie sich damit vor den strengen klimatischen Bedingungen ihrer Heimat wie Hitze, Trockenheit und Wind.

Sein Vitamin-E-Gehalt, sein hoher Anteil an essenziellen Fettsäuren und weitere wertvolle Zutaten verleihen ihm gesundheitsförderliche Eigenschaften. So wirkt es als Antioxidans und beugt der Faltenbildung vor, fördert Verdauung und Hauterneuerung, senkt das schlechte Cholesterin, stärkt Haare und Nägel und wird zur Behandlung von Akne, Psoriasis und vielem mehr eingesetzt. Das enthaltene Gamma-Tocopherol soll antientzündlich und zellschützend wirken. Tatsächlich werden den Berberfrauen gutes Aussehen und gesunde Haut nachgesagt.

Die Berber nutzen das Arganöl in der Küche als Dip zum Brot oder über Pasta und Couscous. Ein beliebter Brotaufstrich ist Amlou, das aus Arganöl, Honig und gerösteten Mandeln hergestellt wird. Aufgrund seiner Zusammensetzung ist Arganöl weltweit als Nahrungsergänzung sehr geschätzt und als Anti-Aging-Mittel beliebt. Der recht hohe Preis erklärt sich durch die aufwendige Gewinnung und Verarbeitung von Hand (ein Liter Öl entspricht etwa dreißig Kilogramm Früchten von vier bis fünf Bäumen und zwei Tagen Arbeit). Die gesamte Wertschöpfung verbleibt bei den Berber-Frauen.
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