Raus aus der Opferrolle

Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge waren knapp 50 Prozent aller Frauen schon einmal sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt.

Was am besten gegen zudringliche Kollegen oder Vorgesetzte hilft

Die Zahlen sind erschreckend: Umfragen zufolge hat fast jede zweite Frau und jeder zehnte Mann schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Viele Opfer leiden jahrelang an psychischen Folgen, manche werden sogar ernsthaft krank. Doch aus Scham oder Angst schweigen die meisten. Dabei ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen.
Betroffene fühlen sich unangenehm berührt und unsicher: Sollen sie auf obszöne Witze beim Mittagessen, auf anzügliche Blicke und schlüpfrige Anspielungen im Büroalltag überhaupt reagieren? Wo beginnt eigentlich sexuelle Belästigung – und was muss etwa eine Frau unter Männern im Büro einfach hinnehmen?

Nacktfotos in der Postmappe
„Sexuelle Belästigung kann auch subtil sein. Es muss nicht erst zu Handgreiflichkeiten kommen“, sagt der Psychologe Benjamin Martens vom Internetportal psycheplus. Er rät Betroffenen zur Gegenwehr. Denn der Chef, der einer Mitarbeiterin bedrängend nahe kommt, der Sachbearbeiter, der seiner Kollegin Nacktfotos in die Postmappe legt – sie alle verhalten sich übergriffig und machen sich womöglich sogar strafbar.
„Es gibt viele Arten von sexueller Belästigung“, betont Martens. „In jedem Fall empfiehlt sich eine konsequente Linie. Zudringlichkeiten muss niemand einfach hinnehmen.“ Rechtlich ist der Schutz der Opfer zwar klar geregelt. Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) definiert sexuelle Belästigung als ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das der Betroffene als beleidigend oder abwertend empfindet.
Trotzdem sind sexuelle Übergriffe gerade im beruflichen Umfeld alarmierend weit verbreitet: Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zufolge waren knapp 50 Prozent aller Frauen schon einmal sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt. Laut einer deutschen Studie mit 4.000 weiblichen Befragten waren es sogar 72 Prozent.

Belästigung ist kein Kavaliersdelikt
Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen ist damit weiblich. Aber es gibt durchaus auch männliche Opfer: Eine Schweizer Studie belegt, dass jeder zehnte männliche Arbeitnehmer schon einmal mit zudringlichen oder anzüglichen Kolleginnen oder weiblichen Vorgesetzten zu tun hatte. Eine Untersuchung der EU kommt zum gleichen Ergebnis.
Sich dagegen zur Wehr zu setzen fällt allerdings beiden Geschlechtern ähnlich schwer: „Schließlich geht es bei sexueller Belästigung nicht um ein unpassend dargebrachtes sexuelles Interesse, sondern klar um einen sexualisierten Ausdruck von Macht. Die Betroffenen fühlen das genau und reagieren daher meist eingeschüchtert. Viele fühlen sich erniedrigt und fürchten, dass ihnen ohnehin keiner glauben wird“, so Martens. Besonders Frauen lähmt zudem die Angst vor sexueller Gewalt. So fällt es den meisten schwer, die Hemmschwelle zu überwinden und sich Hilfe zu suchen.
Doch wer die Vorfälle ignoriert, riskiert in einen Teufelskreis zu geraten: Die psychische Belastung kann schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Die Symptome gleichen denen von Mobbing-Opfern, erklärt der Psychologe: „Betroffene zweifeln an sich und verlieren Selbstbewusstsein. Häufig sinkt die Arbeitsmotivation, sie geraten in die Isolation, ihre allgemeine Lebensqualität nimmt ab.“ Wer solche Symptome an sich beobachtet, kann beispielsweise mithilfe eines psychologischen Selbsttests feststellen, ob die andauernde Belastung bereits psychische Folgen nach sich gezogen hat: In schweren Fällen führt der seelische Stress sogar zu Angststörungen, Depressionen und Arbeitsunfähigkeit. Wer unter einem zudringlichen Kollegen leidet, sollte seine Gefühle deshalb ernst nehmen. Denn Täter, die glauben, mit ihrem Verhalten durchzukommen, werden sich in der Regel ermuntert fühlen, die Belästigung fortzusetzen. M

Wie Opfer sich wehren können
Ein sinnvoller erster Schritt ist, sich an eine Vertrauensperson zu wenden, etwa an den Partner oder gute Freunde. Die Rückmeldung eines nahe stehenden Menschen kann helfen, die Situation besser einzuschätzen. Vor allem kommt es darauf an, Zudringlichkeiten laut und deutlich zurückzuweisen. Betroffene müssen klar machen: „So nicht!“ Als nächstes sollten sie sich – zunächst vertraulich – im Betrieb umhören: Vielleicht gibt es andere Kolleginnen, die der Betreffende ebenfalls drangsaliert. Wenn sonst nichts hilft, bleibt der Gang zum Vorgesetzten, dem Betriebsrat oder der Frauenbeauftragten. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, jede Beschwerde zu prüfen und einzuschreiten. Je nach Schwere der Vorfälle kann auch ein strafrechtliches Verfahren der richtige Weg sein. Informationen gibt es bei der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes.
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