Kreisjugendamt sucht dringend Pflegeeltern aus dem Landkreis

Welches harte Schicksal Jan und Jana haben, das sieht man ihnen beim übermütigen Spiel mit ihren Pflegemüttern Heike Bauer (l.) und Elke May nicht an. (Foto: Foto Kreisjugendamt)
Manchmal entzieht sich Leon völlig. Dann ist er aggressiv, wirft mit Sachen um sich und ist für seine Pflegemutter Elke May nicht mehr erreichbar. Die Pflegemutter aus dem Landkreis weiß, dass sie kein einfaches Kind aufgenommen hat. Doch genau das war ihre Motivation: Elke May will Kindern, die schwierige Zeiten erlebt haben, helfen. Zwei Pflegekinder hat sie: Leon (4) und Jan (6).
Offenheit, Geduld und Toleranz sind Eigenschaften, die Pflegeeltern haben müssen. Elke May verfügt über diese Charakterzüge. Hinzu kommt eine ausgeprägte Kinderliebe. Sie selbst hat vier Kinder auf die Welt gebracht. Die älteste Tochter ist inzwischen 26 Jahre. Als ihr jüngster Sohn zehn Jahre alt war, entschloss sich Elke May, ein Kind in Pflege zu nehmen. Auf den Gedanken, Pflegemutter zu werden, hatten sie ehemalige Nachbarn gebracht. Diese hatten ein Pflegekind bei sich aufgenommen, was Elke May sehr beeindruckte.

Alltag selten programmgemäß
Ein Alltag mit Kindern verläuft selten programmgemäß. Das gilt umso mehr für Pflegekinder. Leon kann seine Impulse mitunter nur schwer kontrollieren. „Kürzlich saß meine Tochter bei mir am Tisch, als ihr plötzlich ein Spielzeugauto an den Kopf flog“, erzählt Elke May.
Leon war vielleicht in diesem Moment ein unerträglicher Gedanke durch den Kopf gegangen. Oder irgendetwas, was die beiden Frauen erzählten, hatte schlimme Gefühle in ihm ausgelöst. Mit solchen Situationen muss Elke May rechnen. Ebenso damit, dass ihre Pflegekinder anecken. Ihre Freundin Heike Bauer, die heute bei Elke May zu Besuch ist, nickt: Auch sie hat zwei Pflegekinder. Ihr Pflegesohn Simon galt als so „anstrengend“, dass er den Kindergarten ohne zusätzliche Hilfe nicht weiter besuchen durfte: „Heute geht er in einen Waldkindergarten und ist sehr glücklich.“

„Trainingspflege“ für die leibliche Mutter
Heike Bauer und Elke May verbindet nicht nur die Tatsache, dass beide zwei Pflegekinder haben. Sie „teilen“ sich sogar ein Geschwisterpaar. Bei Heike Bauer wächst Jans Schwester, die achtjährige Jana auf. Das Geschwisterpaar hat ein hartes Schicksal hinter sich. „Sie kamen völlig unterernährt in die Kinderklinik“, erzählt Petra Fleischmann, Sozialpädagogin im Pflegekinderdienst des Amtes für Jugend und Familie. Die Eltern von Jan und Jana hatten sich kaum um ihre Kinder gekümmert.
Die leibliche Mutter war schlicht nicht fähig, die beiden richtig zu ernähren und ihnen das zu geben, was kleine Kinder brauchen. Das Jugendamt hoffte, ihr die Kompetenzen dadurch beibringen zu können, dass sie Elke May über die Schulter schaut. Dreimal in der Woche kam die Mutter zu May, um von ihr zu lernen, wie man ein Fläschchen macht und auf die Bedürfnisäußerungen der Kinder reagiert. Trainingspflege nennt man das im Kreisjugendamt entwickelte Konzept: „Wir versuchen Eltern, denen wir Kleinkinder kurzfristig wegen Vernachlässigung, Misshandlung oder Überforderung wegnehmen mussten, Schritt für Schritt an Pflege, Betreuung, Förderung und Erziehung heranzuführen.“ Bei der Hälfte der Fälle gelingt eine Rückführung aus der Pflegefamilie – doch bei den Eltern von Jan und Jana war es leider vergeblich.

Derzeit 110 Pflegekinder im Landkreis
Erst, wenn keine anderen Maßnahmen greifen, werden Kinder dauerhaft oder auf Zeit in eine Pflegefamilie gegeben. Würde dies nicht geschehen, liefen die Kinder Gefahr, massive psychische und oft auch physische Probleme zu bekommen. Auch die Unterbringung in Heimerziehung wird in Einzelfällen vom Amt geprüft.
110 Kinder wachsen im Moment im Kreis Würzburg in 80 Familien auf. Neue Pflegefamilien werden dringend gesucht. Ende Juli beginnt ein 18 Stunden umfassendes Seminar für Väter und Mütter, die sich vorstellen können, ein Kind in Vollzeitpflege zu nehmen. Info: Petra Fleischmann, Tel. (0931) 80 03-565 oder Monika Schütz, Tel. (0931) 80 03-844.
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