Jeder Mensch besitzt innere Weisheit

Pflegefachkraft Markus Müller vom IPT-Intensivpflegeteam Würzburg trainiert mit der Ärztin Antonia Dittrich ein idiolektisches Gespräch im Rahmen eines Einführungsseminars auf der 31. Idiolektik-Tagung in Würzburg. Psychotherapeut und Idiolektik-Ausbilder Tilman Rentel (rechts) unterstützt die beiden.
 
Cornelia Hochstrasser, ehemalige Idiolektik-Dozentin und langjähriges Mitglied der GIG, im Gespräch mit dem Allgemeinarzt und Idiolektik-Ausbilder Eckard Krüger bei der 31. Idiolektik-Tagung in der Zehntscheune des Juliusspitals in Würzburg.
„Intensiv, erfüllend und ausnahmslos positiv empfand ich mein erstes Gespräch mit einem Idiolektiker“, berichtet die Ärztin Antonia Dittrich aus Osnabrück begeistert bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung (GIG), die in der Zehntscheune des Juliusspitals stattfand. „Ich habe mich wirklich wahr und ernst genommen gefühlt, meine Situation im Laufe des Gesprächs verstanden und einen Weg heraus gefunden.“

Wie hat der Idiolektiker das geschafft? Indem er sich auf ihre Eigensprache – ihren Idiolekt – eingelassen hat. Denn jeder Mensch hat eine einzigartige Weise, sich auszudrücken. Zwar benutzt er Wörter, die jeder kennt, sie haben jedoch eine für ihn individuelle Bedeutung.

Wenn man sich auf diese individuelle Eigensprache einlässt, erhält man einen echten Einblick in seinen seelischen wie körperlichen Zustand. „Wenn man ihn lässt, erzählt der Mensch nämlich immer das, was ihm wichtig ist“, erklärt der ehemalige Vorsitzende der Gesellschaft, der Würzburger Neurochirurg und Psychotherapeut Horst Poimann.

Dabei folgt die Idiolektik zwei zentralen Prinzipien: Jedes Lebewesen ist einzigartig und jedes Lebewesen hat für sein Verhalten gute Gründe. Daher erfolgt ein idiolektisches Gespräch simplen Regeln: Zuhören statt reden, nicht bewerten, keine Ratschläge erteilen, nicht Recht haben wollen.

Dies führt zu einer respektvollen Haltung gegenüber dem Gesprächspartner, der so zum Experten seiner eigenen Lebenssituation wird und zu verborgenen Ressourcen und Lösungen gelangt. Dies bezeichnete der Begründer der Idiolektik A. David Jonas, als „innere Weisheit“, die jeder Mensch besitzt.
Mitte der 70er Jahre hat Jonas an der Würzburger Universität gelehrt. Seine Schüler gründeten 1985 in Würzburg die Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung, die nun zum 31. Mal tagte.

Die Berichte der Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Berater dort zeigten, wie erfolgreich man mit dieser Gesprächstechnik arbeiten kann. 70 Teilnehmer und 20 Dozenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen teil. Teils seit 31 Jahren der Idiolektik treu sind die Schüler aus der Anfangszeit heute selbst Dozenten. Sie wenden die Idiolektik erfolgreich an in der Arbeit mit Menschen jedes Alters, in der Praxis, im Altenheim, in der Arbeit mit Demenzerkrankten und auch mit Mitarbeitern.

„Können Sie mir beschreiben, wie es für Sie ist?“ Das Handwerkszeug sind einfache Fragen, die eine öffnende Wirkung haben. Dabei greift der Fragende immer die sogenannten Schlüsselwörter auf. Das sind die Wörter, die speziell gekennzeichnet sind zum Beispiel durch Betonung, Gestik oder Mimik. Diese Schlüsselwörter sind der Weg zur individuellen Sicht des anderen.
„Orientierung ist stets, dass der Erzählende es als passend und angenehm empfindet. Und das kann individuell äußerst unterschiedlich sein“, erklärt Tilman Rentel, Psychotherapeut und Idiolektik-Ausbilder. Dabei bewertet der Fragende nicht, so dass der Gefragte sich nicht rechtfertigen braucht. Seine innere Weisheit kann hervortreten und er behält seine Würde, erfährt Respekt und gestaltet selbst seinen eigenen Prozess mit. „Damit kann eine kooperative Beziehung mit dem Patienten entstehen, die überhaupt Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit ist“, so Rentel.

Das Ergebnis ist ein zufriedener Mensch, der sich verstanden fühlt. Daher ist die Gesprächsführung für jeden interessant. Gerade bei alten Menschen, die eine große Lebenserfahrung und einen umfangreichen Wortschatz besitzen, funktioniert die Idiolektik sehr gut. „Und die Kunst des richtigen Fragens kann jeder lernen“, sagt Poimann.
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