Ich wünsche mir eine Straßenbahn

Wolfgang Bötsch und sein Lieblingsort in Würzburg: „Auf dem Marktplatz spürt man, dass die Stadt lebt.“

Mehr Zeit für Oper und Fußball: Am Sonntag, 8. September wird Ex-Postminister Wolfgang Bötsch 75 Jahre alt

Er war unser Mann in der Bundesregierung: Wolfgang Bötsch (CSU) war von 1993 bis 1997 letzter Bundesminister für Post und Telekommunikation.  Fast dreißig Jahre gehörte der Würzburger dem Deutschen Bundestag an. Am Sonntag, 8. September, feiert Bötsch, der sich vor einiger Zeit aus dem politischen Tagesgeschäft verabschiedet hat, seinen 75. Geburtstag. Im prima-Sonntag-Interview spricht Bötsch über sein Leben nach der Politik – und darüber, was er sich zum Geburtstag von Würzburg wünscht.

Nach dem Rückzug aus der Politik: Was machen Sie den ganzen Tag?
Ich bin ja nicht im Ruhestand, sondern bin immer noch als Berater und Projektentwickler in Frankfurt tätig und oft in Berlin, Bonn oder München unterwegs. Eine 60-Stunden-Woche habe ich längst nicht mehr, aber meine Bahncard 100 rentiert sich immer noch. Ansonsten hat ein Leben ohne politisches Tagesgeschäft Vorteile: Zum einen muss ich meinen Parteifreunden nicht mehr erklären, was ich unter der Woche alles falsch gemacht habe. Zum anderen habe ich endlich mehr Freizeit: Meine Frau und ich gehen zum Beispiel oft in die Oper. Von Würzburg aus kann man in anderthalb Stunden mit dem Auto neun Opernhäuser erreichen – toll! Außerdem bin ich ein großer Fußballfan, ob vor dem Fernseher oder im Stadion. Einmal im Jahr unternehmen wir eine Kreuzfahrt, und ich lese jeden Tag ein paar Zeitungen, um auf dem Laufenden zu bleiben. So schnell wird mir nicht langweilig.

Apropos langweilig: Wie erleben Sie den Wahlkampf?
Der könnte aufregender sein. Allerdings haben es die Politiker heutzutage schwer: Die Themen sind wesentlich komplizierter geworden. Gesundheitsreform, Rentenreform – da blicken manche Experten nicht mehr durch, wie also soll man das dem Wähler in ein paar Sätzen erklären? Dagegen war es zu meiner Zeit einfach. Da gab es den Ost-West-Konflikt, alles war überschaubar: Auf der einen Seite die freie Marktwirtschaft, auf der anderen die Kommunisten.

Es wird also immer schwerer, die Menschen für die Politik zu begeistern?
Ja, und in meiner Jugend war das anders – da war die Demokratie neu und aufregend. Ich war elf Jahre alt, als ich anfing, mich ernsthaft für Geschichte und Politik zu interessieren. Weihnachten 1950 hat mir mein Vater ein dreibändiges Nachschlagewerk geschenkt: „Die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts“. Das Buch habe ich heute noch. Und dann erinnere ich mich, wie ich vor dem Radio die Debatten im Bundestag verfolgt habe, all die großen Reden von Konrad Adenauer oder Kurt Schumacher. Hochinteressant! Heute sind die Themen eben diffiziler, da schalten viele ab. Als überzeugter Demokrat bin ich aber der Meinung, dass die Menschen auch das Recht haben, sich nicht zu engagieren und nicht zur Wahl zu gehen. Viele sagen halt: Was soll ich mich groß engagieren, es geht uns doch ganz gut.

Auch Angela Merkel scheint das im Wahlkampf gebetsmühlenartig zu wiederholen: „Es geht uns gut.“ Manche werfen ihr das vor...
Aber sie hat Recht! Ich finde, dass sie in den letzten Jahren hervorragende Arbeit geleistet hat, vor allem als Europa-Krisenmanagerin. Kennen gelernt habe ich sie 1990, bei den ersten gesamtdeutschen Koalitionsverhandlungen. Da ist mir gleich aufgefallen: Anders als manche Kollegen hat Merkel nicht endlos geschwafelt, sondern nur den Mund aufgemacht, wenn sie wirklich etwas Wichtiges zu sagen hatte. Und sie war eine der wenigen im Kabinett, die sich getraut haben, dem großen Helmut Kohl zu widersprechen! Das hat mich beeindruckt. Andere mögen über ihre Art, sich zu kleiden, oder ihre Frisur gelästert haben, aber ich habe gleich gewusst: Der Frau kommt es nicht darauf an, was sie auf dem Kopf, sondern im Kopf hat. Und das ist eine ganze Menge.
Der Fairness halber will ich aber auch sagen: Dass es uns so gut geht, ist auch das Verdienst von Gerhard Schröder und seiner Agenda 2010. Ohne diese Reformen würde Deutschland lange nicht so gut da stehen. Das hat Schröder gegen den Widerstand großer Teile seiner eigenen Partei durchgeboxt, und er hat seine politische Existenz dafür aufs Spiel gesetzt. Das verdient Respekt.

Was wünscht sich Wolfgang Bötsch zum Geburtstag?
Für meine Heimatstadt Würzburg würde ich mir wünschen, dass manche Projekte schneller vorangehen – Stichworte Bahnhof und Mozartgelände, und natürlich die Straba aufs Hubland. Ich hoffe sehr, dass die Linie 6 noch kommt, ich bin ein großer Fan der Straßenbahn. Dann würde ich mir noch wünschen, dass manche Würzburger ihr zum Teil übertriebenes Selbstbewusstsein, wenn sie auf ihre Stadt schauen, ablegen. Ja, Würzburg ist schön, aber andere Städte haben aufgeholt oder uns sogar überrundet. Bamberg oder Regensburg haben sich in den letzten Jahren enorm weiter entwickelt. Die Würzburger sind da manchmal zu selbstzufrieden.
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