Die Schlachtreihen formieren sich

V.l.: Matthias Pilz, Georg Rosenthal, Muchtar Al Ghusain, Christian Schuchardt, Jürgen Weber, Oliver Jörg.

Würzburger-OB-Zweikampf: Rot-Grün schart sich hinter Kulturreferent Al Ghusain, das konservative Lager hinter Finanzreferent Schuchardt

Ein Multikulti-Visionär aus Kuwait oder der kühle Rechner aus Hessen? Lässt sich der nächste Würzburger OB-Wahlkampf wirklich so leicht zusammenfassen? Für SPD und Grüne steigt Muchtar Al Ghusain in den Ring, seines Zeichens Kulturreferent. Sein Gegner wird aller Wahrscheinlichkeit nach Stadtkämmerer Christian Schuchardt sein, auf den Schild gehoben von einer Allianz aus CSU, FDP und Würzburger Liste. Ein Duell zweier berufsmäßiger Stadträte, beide viel eher als Verwaltungsfachleute denn als schillernde Polit-Entertainer bekannt – kann das spannend werden? Antwort: Es kann. Und wie!
Amerikanische Verhältnisse in der Mainfrankenmetropole: Während überall in Deutschland die politische Landschaft zersplittert und gefühlt jeden Monat eine neue Partei auftaucht, die wahlweise mehr Internet für alle oder die Rückkehr zur D-Mark fordert, schart sich die Würzburger Politik-Szene hinter zwei Heerführern. Das Ergebnis ist der klassische Zweikampf, der die Politik Deutschlands über Jahrzehnte geprägt hat: das rot-grüne gegen das konservative Lager.
Dieser Zweikampf setzt bereits jetzt Ausrufezeichen. Und er wirft so manche interessante Frage auf. Zum Beispiel, dass bei einem OB-Duell zweier Referenten der Stadt der Verlierer der Wahl am Ende zwei relativ unangenehme Optionen hat: seinen Job an den Nagel zu hängen oder dem siegreichen Konkurrenten als Referent zur Seite zu stehen. Das erfordert Sportsgeist.
Interessant ist es auch, die Wahl-Allianzen näher unter die Lupe zu nehmen: Schon vor einigen Wochen stellten SPD und Grüne den gemeinsamen Kandidaten Al Ghusain vor. Den Namen hatte man in Würzburg länger auf dem Zettel stehen - dass die Grünen von vornherein auf einen eigenen OB-Kandidaten verzichten, eher nicht. Matthias Pilz trat in der Vergangenheit bei immerhin drei OB-Wahlen an, mit durchaus respektablen Ergebnissen. Seine Vision, grüner Oberbürgermeister zu werden, war gleichwohl ambitioniert - auch weil Würzburg eben nicht nur die klassische Studentenstadt ist, sondern auch bürgerlich geprägt.
Jetzt kämpft Pilz für Al Ghusain - und wie sehr der Grünen-Chef auch beteuert, er und seine Partei würden sich nicht als „Juniorpartner“ der SPD fühlen, so ist doch das Bedauern der Grünen klar spürbar, dass ihr bislang parteiloser Kandidat dann doch Mitglied geworden ist – und zwar bei der SPD. Im OB-Wahlkampf mit der SPD an einem Strang zu ziehen und sich gleichzeitig für die Stadtratswahl programmatisch genügend vom Partner abzuheben, dürfte für die Grünen ein kleiner Drahtseilakt werden.
Die neue Geschlossenheit der Würzburger Konservativen ist dagegen fast schon Sensation: Jürgen Weber unterstützt Schuchardt. Dass Weber, Chef der Würzburger Liste und EX-CSU-Mitglied, sich offen hinter einen OB-Kandidaten der CSU stellen würde, hätte man früher kaum für möglich gehalten. Schließlich hatten sich Weber und die Union nach einem erbitterten Streit getrennt, vor der Kommunalwahl 1990. Damals hatten seine ehemaligen Parteifreunde nicht ihn, sondern Barbara Stamm als Kandidaten aufgestellt. Im Endeffekt führte dieser Streit zur Gründung der „Würzburger Liste“ durch Weber. Bei der OB-Wahl siegten Weber und die WL – die nächsten zwölf Jahre lang sollte mit Weber ein Bürgermeister die Stadt regieren, der konservativ und bürgerlich war – und kein Teil der CSU. Das bedeutete nicht weniger als die langanhaltende Spaltung des konservativen Lagers in der Domstadt. Ist dieser Riss jetzt dabei, sich zu schließen? Ob sich eine Versöhnung im Brüderstreit abzeichnet oder die Unterstützung Schuchardts ausschließlich dazu dient, den von Weber wenig geliebten Muchtar Al Ghusain als OB zu verhindern, bleibt abzuwarten. Genauso wie die Antwort auf die Frage, wie sich Webers Unterstützung für Schuchardt auf die in letzter Zeit arg gebeutelte WL auswirkt.
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