Die Geschichte der Bahnhofsmission

In diesen Räumen nahm die Bahnhofsmission in der Nachkriegszeit wieder ihre Arbeit auf. (Foto: Archiv Würzburger katholisches Sonntagsblatt)
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert reisten viele Mädchen vom Land in die Städte, voller Hoffnung, dort Arbeit in einer Fabrik zu finden. So war das auch in Würzburg. „Sie kamen mit völlig falschen Vorstellungen hier an“, sagt Michael Lindner-Jung, Leiter der Würzburger Bahnhofsmission. Weshalb sie rasch ein Opfer von Ausbeutung oder gar Prostitution wurden. Christliche Frauen kümmerten sich um die Mädchen. Das war vor 115 Jahren der Beginn der Bahnhofsmissionsarbeit.

Festangestellte, die sich um die soziale und psychische Not der Mädchen und Frauen gekümmert hätten, gab es damals freilich noch nicht. Zunächst nahmen Mitglieder des katholischen Frauenbundes und des Mädchenschutzvereins zu Beginn eines jeden Monats die Mädchen am Bahnhof in Empfang. 1899 war dann auch der evangelische Verein „Freundinnen junger Mädchen“ am Bahnhof aktiv.

„Freundinnen junger Mädchen“
Sie brachten sich quasi autodidaktisch bei, was sie wissen mussten, um mit den oft in ihren Hoffnungen massiv enttäuschten, womöglich auch von schrecklichen Erlebnissen während der Reise traumatisierten Frauen gut umgehen zu können. Erst Ende der 1950er Jahre entwickelte sich aus den Wohlfahrtspflegeschulen heraus der Beruf der Sozialarbeiterin. In den 1970er Jahren wurden in Verbindung mit der Gründung von Fachhochschulen erste Sozialarbeitsstudiengänge eingerichtet.

Die Arbeit für Menschen in Not weitete sich nach der Gründung rasch aus. 1918 gab es bereits einen ständigen täglichen Dienst. Nach ihrer Auflösung in der NS-Zeit war die Einrichtung sofort nach Kriegsende wieder zur Stelle, um Heimkehrern, Evakuierten und Flüchtlingen zu helfen. 1946 erhielt die Bahnhofsmission eine 375 Quadratmeter große Baracke, in die sich mitunter bis zu 1.000 Flüchtlinge, Heimkehrer und Jugendliche aus der Ostzone drängten. Die Caritas, die Innere Mission und das Rote Kreuz arbeiteten in dieser Baracke Hand in Hand.

Anlaufstelle für Flüchtlinge
Die Biografie der Menschen, die sich damals an die Bahnhofsmission wandten, unterschied sich gar nicht so sehr von der Lebensgeschichte jener Männer und Frauen, die heute in die Einrichtung der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft kommen. „Auch wir haben es mit Flüchtlingen zu tun“, schildert Lindner-Jung. Jede neue Notlage der Menschen trifft erst einmal hier auf. Das galt für die Ungarnflüchtlinge nach dem Volksaufstand 1956 oder die Gastarbeiter aus den 1960er Jahren ebenso wie heute für Sinti und Roma vom Balkan.

Trotz vielfältiger Probleme kam Festfreude auf, als die Bundesbahn 1959 neue Räume im Hautbahnhofsgebäude in Aussicht stellte. „Mit den neuen Räumen begann auch ein neuer Abschnitt in unserer Geschichte“, so Lindner-Jung. Seit den 1970er Jahren tauchen immer mehr Menschen mit sozialen Schwierigkeiten auf. Anfang der 1980er Jahre war man mit dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit konfrontiert.

Kein Hilfesuchender wird abgewiesen
Heute hilft die Bahnhofsmission Menschen, die ohne einen Groschen in der Tasche nach einem warmen Tee und einem Gebäckstück fragen. Außerdem hilft sie Männern und Frauen, die chronisch psychisch krank sind oder schwere Traumata erlebt haben. Wie in den Anfangsjahren hat man es auch wieder mit Frauen in Notlagen zu tun. Lindner-Jung: „Zu uns kommen Zwangsverheiratete. Außerdem haben wir es immer wieder mit Zwangsprostituierten zu tun.“ Und heute wie damals wird niemand abgewiesen, der Hilfe sucht.
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