Bloß Rettungswagen fährt sie nicht: Bettina Wirth ist die erste blinde Sanitäterin beim Roten Kreuz in Würzburg

Sinn für Humor: „Einen Druckverband kann ich auch schon blind anlegen“, sagt die – blinde - BRK Sanitäterin Bettina Wirth. Hier versorgt sie zusammen mit BRK Bereitschaftsleiter Michael Schwarz eine kleine Schnittverletzung an der Hand. (Foto: Stefan Schwarz, BRK)
Würzburg Bettina Wirth ist eine von 800 aktiven ehrenamtlichen Sanitätern der Bereitschaften des Würzburger BRK. Ihre vor Weihnachten mit sehr gutem Erfolg abgeschlossene Sanitätsausbildung ist Beleg für ihre Fachkompetenz und Motivation. Was die 45-jährige beim Roten Kreuz aber wirklich den Status „außergewöhnlich“ verdienen lässt: Sie ist mit einem Restsehwert von 2 Prozent die erste blinde Aktive in den Reihen der ehrenamtlichen Ortsgruppe Würzburg.
Mit 11 Jahren wurde bei Bettina Wirth die Sehbehinderung erstmals diagnostiziert. Die Ursache der progressiven Erkrankung wird im Nachhinein in einem nicht erkannten Scharlach vermutet, an dem sie als 6-Jährige erkrankt ist. „Ich habe als Kind die beginnende Einschränkung meines Sehvermögens gut kompensiert, sodass sie nicht früher aufgefallen ist“, sagt Bettina Wirth heute.

Blind ist nicht gleich Blind

Bettina Wirths Augen liefern ihr Bilder vom Rand ihres Gesichtsfeldes - sie muss ihre Augen ständig bewegen, um das Umfeld zu erfassen. „Blind ist nicht gleich blind“, weiß inzwischen auch BRK-Kreisbereitschaftsleiter (KBL) Stefan Schwarz. „Bettina gleicht mit ihrem beeindruckenden Gedächtnis und ihrem sehr sensiblen Gehör die Sehbehinderung super aus“. So bewegt sich die 45-jährige Helferin nach einer kurzen Einarbeitung seitdem bei Blutspendeterminen sicher in den Räumen des BRK in der Zeppelinstraße. Im Team mit fünf Kollegen werden Brötchen geschmiert, Erfrischungen ausgegeben und Verwaltungsarbeiten erledigt. „Neue Helfer merken gar nicht, dass Bettina schwer sehbehindert ist.“, so KBL Schwarz.
Mitglied beim Roten Kreuz wurde Bettina Wirth bereits 1977, mit ihrem Eintritt in die BRK Wasserwacht. Dort hat sie die Ausbildung zur Rettungsschwimmerin, Leistungsstufe Bronze, absolviert.

"Ich habe Blut geleckt!"
Nachdem ihre drei Kinder inzwischen erwachsen sind und ihre Mutter nicht mehr brauchen, führt Bettina Wirth ihre Ausbildung fort und will sich beim Roten Kreuz verstärkt ehrenamtlich engagieren. So hat sie beim Sanitätskurs im Unterricht von Kreisbereitschaftsleiter Timo Hofmann gelernt, Verletzungen zu versorgen und lebensgefährliche Erkrankungen zu erkennen. „Dabei habe ich Blut geleckt, will künftig in meiner Freizeit Menschen in Notlagen helfen“, erläutert die frischgebackene Sanitäterin ihre Motive.
Für Ausbildungsleiter Hofmann steht außer Frage: Eine solch außergewöhnliche Teilnehmerin hat er noch nie zuvor in einem Kurs gehabt. „Bettina hat alle Situationen sicher gemeistert, ihre praktischen Fähigkeiten waren beeindruckend, sie war bei Teamaufgaben eine echte Stütze“, lobt Timo Hofmann seine neue Kameradin. Prüfer hätten bei ihrer Leistungsbeurteilung nicht glauben wollen, dass Bettina Wirth blind ist.

Den Druckverband legt sie schon blind an
Selbst fühlt sich die Rotkreuzlerin Wirth in der Bereitschaft Würzburg „voll akzeptiert und pudelwohl“. Die tolle Kameradschaft mit anderen Ehrenamtlichen motiviere sie, sich jetzt freiwillig auch bei Sanitätsdiensten und Alarmierungen der Schnelleinsatzgruppen Verpflegung und Betreuung zu engagieren. „Einen Druckverband kann ich auch schon blind anlegen“, meint Bettina Wirth mit ihrem ganz besonderen Humor. „Niemand braucht aber Sorge haben, dass ich einen Rettungswagen lenken werde.“
Michael Schwarz, Bereitschaftsleiter der 150 Mitglieder starken Ortsgruppe Würzburg, beobachtet mit Respekt und Freude das Engagement seiner neuen Mitarbeiterin. „Bettina setzen wir überall dort ein, wo sie Gutes tut und sich oder andere dabei nicht gefährdet“. So will Schwarz seine sehbehinderte Helferin bei Großveranstaltungen ebenso sinnvoll einplanen wie in der Ausbildung und Materialbeschaffung.

Auch der Gatte ist begeistert
Auch Ehemann Michael hat Bettina für die Arbeit beim Roten Kreuz gewinnen können. „Ihre Begeisterung bei der Sanitätsausbildung war so ansteckend, da habe ich kurzerhand mitgemacht“. Seine eigene Ecke beim BRK hat inzwischen auch Lando gefunden, der Familien- und Blindenhund der Wirths.
Bettina Wirth will anderen Menschen mit Behinderungen Mut machen sich sozial zu engagieren. „Jeder Mensch ist wertvoll und sollte nach Möglichkeiten suchen, andere zu beschenken. Das gilt für Menschen ohne Behinderungen ebenso wie für Menschen mit Einschränkungen aller Art“.
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